Sturm am Bodensee – Härtetest für einen Coastal Ruderer

Wie fühlt man sich wenn man bei Windstärke 8 und Sturmwarnung auf dem Bodensee rudert? „Einfach nur genial“ – schreibt unser Coastal Rowing Experte und diesjähriger Coastal Rowing WM Teilnehmer Markus Heyerhoff über seine Rudererlebnisse bei knackigen Wellen am Bodensee:

Härtetest für Material und Ruderer –

Hallo – gestern war endlich mal ordentlich Wind, sodass ich den X-19 einem Härtetest unterziehen konnte. Er hat Stärken und Schwächen gezeigt. Die Stärken liegen ganz klar im Verhalten bei Wellen. Und Schwächen zeigt er bei viel Wind. Aber von Anfang an. Bei 90 Blitzen (Bodensee-Sturmwarnung) gehen nur noch die ganz Harten aufs Wasser: Die Windsurfer, die es wissen wollen, naja, und dann der eine komische Coastal Ruderer, von dem man nicht sicher ist, was man von dem halten soll. Bei 5 Bft, in Böen 8 (gestern bis 75 km/h laut Wetterbericht) hat der See einiges zu bieten, was ein Ostsee-Fahrer nicht kennt: Erstens extrem harte Böen aus sehr wechselnden Richtungen, zweitens sehr kurze und steile Wellen und drittens schwere Kreuzseen, die durch die sehr steilen und extrem tiefen Unterwasserböschungen auftreten (in 10m Wasserlinie kann der Grund 50 m abfallen/aufsteigen). So laufen die kleinen Wellen (bis 50 cm Höhe) in Windrichtung und die großen in Seerichtung bzw. Grabenrichtung der Unterwasserlandschaft. Da der Wind gestern 30° – 45° zur Seerichtung blies, türmte sich das weite Wellenfeld diagonal kreuzend übereinander, wodurch sehr kurze (quer zur Windrichtung) Wellen entstehen, die versetzt zueinander laufen, sodass Y-Wellen entstehen, wie in einem Wellenbad. So etwas kenne ich aus der Flensburger Innen- und Außenförde nicht.

Ich habe mich also bei der Wasserschutzpolizei angemeldet, die haben meinen Kurs abgefragt: Nußdorf, Wallhausen, Katharinaschlucht, Sipplingen, Nußdorf, so etwa 18 km. Damit waren die zufrieden und ich konnte aufs Wasser, direkt in die Wellen hinein, die auflandig anbrandeten. Die Wellen waren immerhin so hoch, dass der X-19 bei Kurs gegen Wind und Wellen mit der vorderen Hälfte ganz aus dem Wasser kam, und damit hat er eine sehr große Windangriffsfläche. Das ist nicht ganz leicht, denn der Wind – wenn er nicht ganz genau von vorne kommt – drückt den aufschießenden Bug  mit Gewalt zur Seite, sodass er innerhalb 1 Sek. bis zu 45° aus dem Wind drehte, ohne dass ich so schnell gegensteuern konnte. Wenn dann die nächste Welle schräg in den Bug bricht hat man gut zu tun. Wenn eine Böe mit 8 Bft kam, konnte ich nicht mehr tun, als bei minimaler Fahrt das Boot mit ganzer Konzentration auf Kurs halten – egal ob in den Wellen oder im Wind, Hauptsache ich hielt das sich in den Kreuzseen wild hin und herwerfende Boot im Griff. Nur keine Fahrt, nur nicht zu hoch über die Welle aufschießen. Allein der Wind lässt die Skulls beim Zurückholen vibrieren und zucken.
Wenn der X-19 bei den kurzen, steilen und hohen Wellen beim Gegenwindkurs hinter einer Welle ins Wellental schlägt, kracht es bei dieser Wellenhöhe aber doch ganz gewaltig. Manchmal hatte ich schon Sorgen um den Rumpf, weil es sich anfühlte, als würde jemand mit dem Baseballschläger von unten auf den Rumpf eindreschen. Aber es ist nichts passiert. Und es bleibt am Rücken erstaunlich trocken, das ist sehr angenehm. Es sei denn, eine Welle rollte von vorne bis hinten über das Boot, sodass man kurz U-Boot spielt. Aber das macht dann auch wieder Spaß.

Die Wasserschutzpolizei war sehr präsent und hielt die Wassersportler gut im Blick. Als bei einem Surfer mitten im See der Mast brach, wie ich von den beiden anderen später erfuhr, war sie sofort mit Blaulicht zur Stelle. Zu mir kamen die Beamten später auch und fuhren 100m querab vorbei, um zu sehen, wie gut ich mit der Situation zu recht kam. Dann drehten sie wieder zurück nach Überlingen. Da fühle ich mich doch irgendwie gut aufgehoben.

Im Wind zurück war der Törn natürlich genial! Wenn der Bug hinter mir sich tief nach unten senkt, das Boot unter dem Rollsitz beschleunigt und die Welle herabsurft, entsteht dieses glückliche Grinsen im Gesicht, gegen das man gar nichts machen kann. Einfach surfen lassen, jedenfalls so lange das Boot nicht querzuschlagen droht. Das Boot wird so schnell, dass ich mit Ruderschlägen den Kurs nicht mehr korrigiern konnte, nur hart bremsend mit demjenigen Ruderblatt , das beim anfangenden Querschlagen ins Wellental zeigt. Hach, ist das toll! Toll ist es aber nicht mehr, wenn die Welle unter dem surfenden Boot hindurchrollt und sich dabei bricht, wenn das Boot auf dem Kamm sitzt. Dann fällt es nämlich in den schäumenden Kamm, da dieser nicht genug trägt, sodass der gesamte Ausleger und die Skulls untergehen. In diesen Situationen konnte ich die Skulls nur noch oben halten und nicht mehr korrigierend eingreifen. Wenn dann das schnell surfende Boot quergeschlagen wäre, wäre ich vermutlich baden gegangen.

Fazit: Coastal Rudern ist klasse. Und bei Sturm in Wind und Wellen macht es am meisten Spaß. Das ist eine ganz neue Art des Ruderns: wild und hart und Abenteuer und Geschicklichkeit ist wichtiger als Kraft. Bei diesen Bedingungen mal eine WM, das wäre ein Event!

Viele Grüße vom Bodensee –
Markus

Photos: Markus Heyerhoff bei Coastal Rowing WM 2018 in Kanada – kaum Wind, keine Wellen … dagegen hatte der Bodensee diese Woche einiges mehr zu bieten.

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