Lars Koltermann übernimmt neues Fachressort ‘Coastal Rowing’ beim DRV

Auf dem diesjährigen Deutschen Rudertag wurde Lars Koltermann zum Vorsitzenden des neuen Fachressorts Coastal Rowing gewählt. Auf rudern.de gibt der 49-jährige Jurist aus Friedrichstadt erste Einblicke in seine Pläne und was ihn dazu bewegt, sich für die weitere Entwicklung von Coastal Rowing in Deutschland einzusetzen. Mit freundlicher Genehmigung des DRV ist im folgenden das Originalinterview zu lesen:

Interview vom 09.12.2021 / Autor: Hans Strauss

Lars Koltermann: Komplette Struktur für Coastal Rowing

Seit dem 65. Deutschen Rudertag im Oktober in Schweinfurt gibt es neue Gesichter im DRV-Präsidium. Dr. Lars Koltermann (Friedrichstädter Rudergesellschaft) ist zum Vorsitzenden des neuen Fachressorts Coastal Rowing gewählt worden. Der 49-jährige Jurist, der als Anwalt und Notar tätig ist, soll die Wildwasser-Variante des Ruderns, die 2028 olympisch werden dürfte, im Verband nach vorne bringen. Im Interview spricht Koltermann über die Aufgabe, spezialisierte Coastal-Athleten zu entwickeln und eine überraschende Zahl von Anfragen nach seiner Wahl.

Frage: Du kommst aus dem klassischen Rudern, bist ein erfahrener Trainer, hast im Verband bereits mehrere Funktionen. Und jetzt kümmerst Du dich um Coastal Rowing. Was begeistert Dich daran?

Lars Koltermann: Es ist eine völlig andere Form des Ruderns, spannend für mich auch durch den Küstenbezug. Ich komme von der Küste und liebe das Meer. Die Kombination Meer und Rudern ist für mich daher sehr interessant. Außerdem reizt es mich, dass wir beim Coastal eine neue Struktur aufbauen werden. Einen Arbeitskreis gab es schon, aber da Coastal 2028 olympisch werden soll, müssen wir das nun in unserem neu berufenen Fachressort mit einer kompletten Struktur, welche die Gesamtbreite des Ruderns abdeckt, auf die Bahn bringen.

Ist denn schon klar, mit welchem Format Coastal Rowing 2028 in Los Angeles olympisch sein wird?

Nein, klar ist noch nichts. Erwartet werden drei Bootklassen: der Männer- und der Frauen-Einer und der Mixed-Doppelzweier. Ob die im Beach Sprint oder in der Langstrecke starten werden, ist noch offen.

Wie sieht der Start aus? Vermutlich ist einiges zu tun.

Als Erstes müssen wir die Regatta-Termine für 2022 und die Qualifikationsmodi festlegen, weil es gerade für die Sprint-Wettbewerbe nur begrenzte Teilnehmerzahlen gibt. Wir müssen möglicherweise das Regelwerk anpassen. Bisher ist es sehr offen und wir müssen im gerade berufenen Fachressort diskutieren, ob wir es nicht etwas strenger fassen und an die internationalen Regeln anpassen.

Mit den beiden Vizeweltmeistern auf der Langstrecke, Eduardo Linares und Lars Wichert, gibt es bereits herausragende Coastal-Könner in Deutschland. Bis Los Angeles dürfte es aber nötig sein, in der Leistungsspitze mehr Breite zu gewinnen, um dann auch um die Medaillen mitreden zu können.

Das ist so. Bisher hängen wir von wenigen Athleten ob, künftig müssen es mehr und spezialisierte Athleten sein. Das heißt, es wird vermutlich nicht mehr so sein, dass vor allem ehemalige Spitzenruderer als Umsteiger im Coastal vorne sind. Eine Spezialisierung neuer, junger Athleten wird vor allem dann zwingend, wenn der Sprint olympisch werden sollte. Dort ist der Anteil von Rudern und Laufstrecke ja fast gleich. Bei der letzten Coastal-WM in Portugal war der Norweger Kjetil Borch, der bei den Olympischen Spielen in Tokio Silber im Einer geholt hat, im Sprint dabei– und hat nicht gewonnen, wie man vielleicht gedacht hat, sondern gegen einen Italiener verloren, den er auf der 2000m-Strecke sicher deutlich geschlagen hätte. Aber auch auf der Langstrecke wird die Spezialisierung kommen, denke ich.

Gerade für den Sprint wäre es vielleicht interessant, auch Quereinsteiger zu gewinnen, etwa einen Läufer oder einen Triathleten?

Das ist denkbar. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass man gezielt starke Leichtgewichtsruderer anspricht, die jetzt im A-Junioren-Bereich sind und 2028 keine olympische Perspektive mehr haben, und sie einlädt, sich Coastal anzuschauen.

Reichen die sieben Jahre bis Los Angeles denn auch aus, um jemand zu Olympia-Reife zu bringen, der bisher in keinem Ruderboot gesessen hat?

Das kann ich mir auch gut vorstellen. Man hat es schon im normalen Rudern gesehen, wie ein Topathlet wie Oliver Zeidler, der Schwimmer war, es schnell hingekriegt hat. Auch wird es 2028 Olympia-Teilnehmer geben, die jetzt noch gar nicht rudern.  Im Coastal Rowing sollte das noch besser möglich sein, weil neben der Technik und der Physis auch andere Faktoren eine größere Rolle spielen wie Wind, Wellen und taktisches Geschick.

Speziell der Sprint zieht vielleicht auch eine ganz andere Art von Athleten an wie das klassische Rudern?

Ja, das denke ich. Vielleicht ist es einfach cooler, mit den Laufelementen und dem Strandleben.

Welche Bedeutung hat Coastal Rowing bisher in Deutschland?

Coastal Rowing ist in den letzten Jahren größer geworden, die Zahl der Teilnehmer und der Vereine bei den Regatten ist gestiegen. Ich merke das auch an den vielen Anfragen von Vereinen und Landesruderverbänden seit meiner Wahl, die Interesse an Coastal haben und um Hilfestellung gebeten haben. Das hat mich überrascht, das hatte ich nicht erwartet.

Coastal ist ja nicht nur auf dem offenen Meer interessant, sondern durchaus auch auf Flüssen.

Genau. Unser Ziel ist es deshalb, in den Landesverbänden jeweils einen Coastal-Beauftragten zu installieren, damit wir auch eine Struktur von unten, von der Basis her, aufbauen.

Wie sieht es denn im Trainer-Bereich aus?

Auch da müssen wir etwas tun und spezielle Lehrgänge anbieten, um die Vereinstrainer, die Coastal bisher meistens mitmachen, entsprechend zu schulen. Genauso werden wir Coastal Rowing im Spitzenbereich verankern müssen, mit einem Bundesstützpunkt und einem Bundestrainer. Schließlich werden ab 2028 hier dann drei von 14 olympischen Goldmedaillen vergeben.

Du bist Leiter des Bundesstützpunktes Ratzeburg/Hamburg und zweiter Vorsitzender des Landesverbands Schleswig-Holstein. Möchtest Du beide Tätigkeiten neben dem Fachressort-Vorsitz weiter ausüben?

Ja, das möchte ich auf jeden Fall. Beruflich habe ich den Vorteil, dass ich selbstständig bin und mir meine Arbeitszeit einteilen kann. Da der Coastal-Bereich überwiegend an den Stützpunkten im Norden stattfinden wird, halten sich die weiten Reisen für mich in Grenzen. Als ich noch Trainer im Spitzenbereich war, war mein Aufwand für Rudern erheblich größer.

Interview: DRV

Fotocredit: DRV

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